ENTERTAINMENT UND SCHMERZ. Ein Interview mit Regisseur Miron Zownir ?ber seinen Film "Phantomanie"

ENTERTAINMENT UND SCHMERZ. Ein Interview mit Regisseur Miron Zownir ?ber seinen Film „Phantomanie“

ENTERTAINMENT UND SCHMERZ. Ein Interview mit Regisseur Miron Zownir ?ber seinen Film „Phantomanie“

Preview Screening beim „Transducers! Festival“ in Berlin im Tresor am 12.Februar 2009 – Start 19 Uhr

Du hast nach mehreren Anl?ufen endlich deinen 1. Spielfilm gedreht. Warum hat das solange gedauert?

Zownir: „Ich habe bereits in den 80?er Jahren in New York und LA mehrere Drehb?cher geschrieben, die einiges von dem vorweg genommen h?tten, was Tarantino in den 90?er Jahren realisiert hat.
Aber mein damaliger Produzent Chosei Funahara wollte unbedingt vor meinem ersten Film noch einen Streifen in den Philippinen drehen, weil er sich davon ein gr??eres Budget f?r unser Projekt erhoffte.

Leider wurde der Film, wie ich vorausgesehen hatte, ein Flop und Funahara hat sich nie wieder davon erholt. Wir hatten uns drei Jahre lang auf meinen Film ?The Contender? vorbereitet, der mit Peter Fonda, David Terrifick und Richard Edson (Stranger than Paradise) gl?nzend besetzt war. Als ich die Nachricht erhielt, dass der Philippinofilm unser Projekt gekillt hatte, habe ich meinen Fernseher und Taperecorder durch das geschlossene Fenster geworfen und bin von einem Sturmtrupp faschistischer LA-Bullen, an H?nden und F??en gefesselt, beinahe totgeschlagen worden.
Sp?ter wurde mein Drehbuch ?Der Versager? von kleinen Fernsehspiel mit der Begr?ndung abgelehnt, dass man dem deutschen Fernsehpublikum, meine Gewaltszenen und Obsz?nit?ten nicht zumuten k?nnte. Selbst die Unterst?tzung namhafter, internationaler Schauspieler konnte den verantwortlichen Geldgebern nicht die Angst davor nehmen, dass meine Filme ?ber die Toleranzgrenze, der Tolerierbaren hinausgehen w?rden.“

Um was geht es in Phantomanie?

Zownir: „Ich glaube, dass die heutige Zeit der materiellen Hegemonie, des blinden Vertrauens an den Fortschritt und der un?berschaubaren Globalisierung der Macht und der Wirtschaft, gepaart mit einem g?tzen?hnlichen Starkult und anachronistischen Monotheismus, unsere Ur?ngste triggert.

Wer bin ich? An wen oder was kann ich mich orientieren? Wem kann man noch trauen? Wie kann ich mich behaupten, ohne ein Teil der menschenverachtenden Maschinerie zu werden? Wie kann ich meine Emotionen, Gef?hle und Individualit?t retten, wenn alles duplizierbar und austauschbar ist?
Vielleicht sind das nicht die ?ngste, die die Mehrheit empfindet, sondern eher derer, die sich nicht anpassen wollen. Aber das ist wahrscheinlich die Zielgruppe mit der ich mich identifiziere und die ich ansprechen will.“

Klingt nicht gerade nach Entertainment.

Zownir: „Meine Filme sind eine Mischung aus Entertainment und Schmerz. Man kann ?ber die Hilflosigkeit, Verwirrung und Wut meiner Charaktere ebenso lachen wie heulen. Aber allein die Tatsache, dass sie sich wehren und sich im Chaos ihrer psychotischen Tr?ume und Illusionen zurechtfinden m?ssen, macht sie zu einer Art von Rebellen. Selbst wenn sie scheitern haben sie mehr von einem Komikhelden von Crumb als von einem gutaussehenden Hollywoodloser.

?bersteuert, verzerrt und weit von der Normierung, der am Rei?brett konzipierten Massenware, die angeblich alle sehen wollen, sind sie dennoch reeller als die ?blichen Medienmarionetten, die von dem deutschen Fernsehanstalten ihrem Publikum aufgedr?ngt werden.“

In einer Passage aus deiner Shortstorysammlung ?Parasiten der Ohnmacht?, sagt ein Journalist zu einem Regisseur, ?Sie machen Filme f?r Geisteskranke, Sadisten und Pilger auf dem Weg in die H?lle.? Inwieweit trifft das auf dich zu?

Zownir: (lacht) „Meine Filme sollen alle sehen. Ich habe keine Ber?hrungs?ngste.“

Bruno S. hat seit 30 Jahren seinen ersten Spielfilm gedreht. Wie hast du ihn dazu ?berredet?

Zownir: „Ich habe bereits eine Doku ?ber ihn gedreht und er hat mir vertraut. Er spielt eine Mischung aus debilem Penner und allwissenden Philosophen, eine Figur, die zwischen Traum und Wirklichkeit vermittelt, wie er das im wirklichen Leben mit sich selber tut.“

Bruno gilt als Ikone der Leiendarsteller, den nach Herzog keiner mehr anfassen wollte.

Zownir: „Ich habe ihn aus dem Herzogkorsett befreit, dass im Grunde genommen auf den armen, verspotteten Au?enseiter reduziert ist. Mit der Szene wo Bruno zum werwolf?hnlichen W?rger wird, werden sich die meisten seiner Fans nicht anfreunden k?nnen. Aber Bruno ist mehr als ein Teil der Herzogmythologie und ich habe ihm die Chance gegeben, dass zu beweisen.“

Wie war deine Zusammenarbeit mit Alec Empire? Er gilt ?hnlich wie du, als schwierig.

Zownir:
„Bei mir hat jeder geniale Exzentriker Narrenfreiheit, d. h. im Rahmen dessen, was ich verwirklichen will. Aber bei Alec musste ich keinerlei Einschr?nkungen machen, weil er den Film besser verstanden hat als ich. (lacht) Unsere Zusammenarbeit h?tte nicht besser sein k?nnen.“

Deine Fotos, Romane, Storys und Filme sind f?r viele schwer zu verdauen. K?nnte man dich als einen Ikonoklasten bezeichnen?

Zownir: „Ich glaube, dass man in seinem Drang zur Selbstverwirklichung immer zuerst alle Schranken niederrei?en muss, bevor man sich dar?ber klar werden kann, wohin man will. Sobald ich auf Tabus treffe, f?hle ich mich provoziert, werde unangenehm und versuche sie zu hinterfragen. In dieser Hinsicht habe ich in den letzten 30 Jahren nicht viel dazu gelernt (lacht). Man kann das nennen wie man will, aber ich glaube, dass was mich auszeichnet ist der Mut zum unzensierten Wort oder Bild.

Der moralische Imperativ der Nachkriegsdeutschen ist deshalb so schwer zu verdauen oder zu akzeptieren, weil ihre sch?rfsten Vertreter aus moralischen Instanzen besteht, von denen man einfach wei?, dass sie die gr??ten Opportunisten und Feiglinge sind.“

Einer deiner Hauptdarsteller, Frederic Geay ist w?hrend der Postproduktion von Phantomanie an einem asthmatischen Anfall erstickt. In seiner Rolle spricht er ununterbrochen vom Tod. Siehst du darin einen Zusammenhang?

Zownir: „Ich war gut mit Freddy befreundet und wusste, dass er seit seiner Kindheit Asthmatiker war. Im Grunde genommen hat er sich selbst gespielt und von ?ngsten geredet, die ihn ein Leben lang qu?lten. Aber gleichzeitig war er optimistisch, lebensfroh und hatte sich mit Humor und Charme dar?ber hinweggesetzt. Freddys Tod hat uns alle ersch?ttert. Jeder der mit ihm zusammenarbeitete, hat ihn gesch?tzt und gemocht. Ich h?tte noch viele Filme mit ihm gemacht.“

http://www.mironzownir.com/
http://www.myspace.com/zownirradicalman