IM NEBEL DAHEIM

IM NEBEL DAHEIM

IM NEBEL DAHEIM

Text: Andreas Richter , Photo: Christoph Voy

Indian Jewelry

Als es mit Indian Jewelry los ging ? die immer nur offizi?sen Quellen deuten auf 2002 ? da gab es Indian Jewelry noch gar nicht. Zu Beginn war es eine Reinkarnationsmaschine irgendwo in Houston, Texas, deren immer wieder wechselnde Namen nur leidlich dokumentiert sind und deren immer wieder wechselnden Mitglieder bis dato lange Listen f?llen. Als Indian Jewelrys unmittelbarer Vorl?ufer gelten NTX+ELECTRIC, als Ursprung der Swarm of Angels.

Halt! Mein Fehler. Der Chronologisierungswahn ist die schlimmste Charakterschw?che dessen, was gerne als Popjournalismus wahrgenommen werden m?chte. Und dann auch noch als Einstieg! Unverzeihlich. Insbesondere hier, denn tats?chlich geht die Geschichte von Indian Jewelry zur?ck bis zur Entstehung des Universums. Vermutlich sogar noch weiter, aber diese Gedankenleistung, das hat uns die Band anvertraut, soll das n?chste Album ausmachen, die m?ssen wir an dieser Stelle nicht auf uns nehmen.
Bleiben wir bei den Fakten. Es gibt keine. Indian Jewelrys geistige Essenz ist die versuchte Antithese zu Warhols ?15 Minuten?-Prognose und deren gegenw?rtige Ausw?chse. Wir reden hier von den Pr?zedenzf?llen einer positivistisch polternden Realit?t der Ruhmverteilung. Wenn also die Tankwarte oder Handyverk?ufer mit ihren ungeschulten, aber irgendwie so richtig ber?hrend klingenden Stimmvolumen mit Close-up auf die gern mannigfaltig vorhandenen k?rperlichen und geistigen Gebrechen ?ffentlichkeitswirksam durch die Konzerts?le und Prominenz-Abdeckereien gepeitscht werden. Und zwar so ?ffentlichkeitswirksam, dass es sogar die noch Minderbemittelteren mitbekommen. Denn auch wenn es dir rundum beschissen geht, keep the dream alive!

Weil, den kann dir keiner nehmen und wer wei?, vielleicht blinzelt Gott dich als n?chstes an, doch selbst wenn du es nur bis in den Recall schaffst, um die Urheber- und Verwertungsrechte k?mmern wir uns in jedem Fall, dort einmal kurz unterschreiben bitte, danke.
In der Realit?t Indian Jewelrys ist jeder gleich unpopul?r und noch nicht mal die im Kollektiv akkumulierte Unpopularit?t greift nach den Sternen. Hier haben wir eine ma?gebliche Abgrenzung zu solchen spektakul?ren, zentral dirigierten Massenaufl?ufen wie Arcade Fire, Polyphonic Spree oder Bright Eyes, die in jedem ihrer choralen Hooks nach dem Feuilleton kr?hen.

Das Kollektiv Indian Jewelry funktioniert eher wie eine demokratisch organisierte, nichtentgleiste Variante der Manson-Family. In ihrem richtungslosen Ideologiebrei arbeiten ausreichend gutm?tige Hippiemotive, um sich selbst glaubw?rdig als Medium einer woher auch immer r?hrenden Energie zu verkaufen. Man darf auf den Kosmos tippen, vielleicht auch auf Libido oder die Abgr?nde der Existenz. Woher das alles kommt, in den Liedern von Indian Jewelry, ist nat?rlich nicht egal, aber wer m?chte da schon seinen Finger darauf legen. Die Band selbst ja am allerwenigsten. Von deren Seite gibt es noch nicht einmal Konzessionen in Richtung einer nachvollziehbaren Aufgabenverteilung. Niemand ist an ein Instrument gebunden, die Vitalit?t des Bandk?rpers generiert sich aus st?ndiger Neuordnung in der Horizontalen. Erfreulicherweise materialisieren sich die mystischen Str?me durch den Bandk?rper als Noise-zerfurchte Romantik, als h?chstes aller Shoegaze-Gef?hle und als geheimnisvoll vernebelte Tribal-Regression.

Das gerade aktuelle Album ?Free Gold? kokettiert mit dem, was die Band gerade nicht ausmacht, gleich auf dem Coverartwork. Mit einer Pyramidenstruktur, die entfernt an die Maslowsche Bed?rfnishierarchie erinnert. Spricht man sie darauf an, bekommt man genau die Unverbindlichkeit als Antwort, die das Wirkungsprinzip der Band wiederherstellt. Es hei?t dann: ? Ein Freund von uns hat das Artwork gemacht. Er hat auch jahrelang in der Band gespielt. Er operiert in einer komplett anderen Welt, deswegen sind wir selber noch nicht dahinter gekommen, was die Pyramide eigentlich bedeuten soll. Es ist eine Frage des Vertrauens. Wenn er meint, es m?sste eine Pyramide aufs Cover, dann glauben wir ihm das.?

Die syntaktische Eindeutigkeit der Zeichen und ihre semantische Uneindeutigkeit sind der Kern ihres Ausdrucks und das wesentliche Mittel ihrer ?sthetischen Inszenierung. Es ist nicht so, dass Indian Jewelry das unwillk?rliche Umherwerfen mit Codes und Slogans und Symbolik erfunden h?tten. Tats?chlich geh?rt das Wegducken unter Ironie-Installationen und das Versteckspiel im Zeichenwald zu den Hauptdisziplinen einer avancierten Hipsterkultur, die sich im Abseitigen auf der richtigen Seite w?hnt, weil ihr f?r die Orientierung im Diesseitigen sowohl die Eier als auch die Kompetenz fehlen. Als ein typisches Beispiel hierf?r sei die ach so provokativ und widerspr?chlich ausgeschm?ckte Myspace-Seite des Yussuf Jerusalem (sic!) empfohlen (www.myspace.com/ridersofallah) – er tanzt nur auf der Spitze des Eisbergs dieser Kanaillen. Nat?rlich kann man Indian Jewelry in diese Szene der neuen Referenz-ratternden Uneindeutigkeit einordnen, die tats?chlich auch hin und wieder kommerzielle Spitzen ausspuckt. Siehe MGMT.

Nur ist Indian Jewelrys Uneindeutigkeit gefestigter, subtiler und auch pointierter als die der verstiegenen Konkurrenz. So pointiert und verdichtet, dass sich aus der Widerspruchsreibung, es entweder mit einem minuti?s ausget?ftelten Plan oder einer neuen Form von Dada zu tun zu haben, ein absolut einzigartiges Unterhaltungsmoment ergibt. Man h?rt ihnen im Gespr?ch gerne dabei zu, wie sie mit stirnsteifer Miene im Angesicht der aktuellen Rezessionsszenarien die gewaltsame Zerst?rung der M?rkte fordern, wie sie zwei Minuten sp?ter Theorien ?ber die Aufhebungskraft des aus Kreativprozessen gesch?pften geistigen Reichtums hinsichtlich einer realiteren Ebbe im Geldbeutel entwickeln (?Wenn du in unser Haus nach Houston gekommen w?rst, als wir dort das Album aufnahmen, h?ttest du einen Haufen Million?re getroffen, die den ganzen Tag mit einer verdammten Zigarre im Gesicht durch die Gegend laufen.

Ein Album aufzunehmen positioniert dich automatisch ?ber dem Geldadel, wenn du dieses Bild auf menschlichen Reichtum anwendest.?) und wie sie selbst eine originell formulierte Bandbiographie zu einem Vexierbild aus Realit?t, historischen Bez?gen und purem Nonsens ausdeuten. Angeblich seien sie von einem Historiker namens Ted Sands darauf hingewiesen worden, dass es sich bei Indian Jewelry um die Fortsetzung der Meriten einer gleichnamigen, str?flich unbeachteten Band aus den siebziger Jahren handeln w?rde. (http://www.nowwearefree.com/indianjewelry.html)

Indian Jewelry treiben ein Spiel aus Legendenbildung, aus selbstinszeniertem Spinal Tap, aus Kontextualisierung in einem Raum des Grotesken und aus leidenschaftlicher Identit?tsverweigerung. Warum sie allerdings in den letzten Jahren in berechenbarer Regelm??igkeit Tontr?ger ver?ffentlichen und das auch noch unter einem fixen Moniker und mit relativ unver?nderlichem Personal, das steht am Ende als die unerkl?rlichste aller Widerspr?chlichkeiten. Vielleicht wollen sie mit all dem ja doch ein wenig Ruhm absch?pfen.

?Free Gold? 2008 CD/LP (We Are Free/Lovepump United)
?Fake And Cheap? 2008 CD/LP (We Are Legion/Deletedart)
?Invasive Exotics? 2006 CD/LP (Monitor/Lovepump United)
?Sangles Redux? 2005 CD/LP (Girlgang/Skinny Wolves)

Indian Jewelry auf MySpace: http://www.myspace.com/indianjewelry
Ted Sands auf MySpace: http://profile.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewprofile&friendID=44622516

Andreas Richter